Neue Infrastrukturen und deren Besitzverhältnisse

Der stetige Wandel hin zu dezentraler Energieerzeugung steigert die Bedeutsamkeit von Stromnetzen in den niederen Spannungsebenen. Gehen diese in das Eigentum der Dörfer und Städte zurück, kann dieser Strukturwandel besser unterstützt werden.

von Peter Schmuck und Marianne Karpenstein-Machan

Die Erzeugung von Strom findet mit dem Zubau der Erneuerbaren Energien immer häufiger dezentral statt, so dass sich das ursprüngliche System der Stromverteilung von hohen auf niedrige Spannungsebenen wandelt und vermehrt aus den Verteilnetzen in die übergelagerten Netze eingespeist wird. Mit der Wasserstoffstrategie der Bundesregierung und Trends in der Erzeugung von Biomethan kann dieses Phänomen zukünftig auch im Gasnetz erwartet werden. Damit verlagern sich auch die Anforderungen an die verschiedenen Netzebenen und den Nieder- und Mittelspannungsnetzen muss mehr Beachtung geschenkt werden.

Erwerben Dörfer und Städte die Konzessionen für diese Netze, können diese besser an den notwendigen Strukturwandel mit erneuerbaren Energien angepasst werden, da nun nicht mehr ausschließlich die Gewinnmaximierung im Vordergrund steht, sondern auch regionale und lokale Aspekte der Nachhaltigkeit im Geschäftsalltag stärker berücksichtigt werden. Durch die (räumliche) Nähe zu den Kunden bzw. Bürgern wird außerdem die Kommunikation verbessert und auftretende Probleme können schneller gelöst werden. Wenn mehrere Infrastrukturen wie beispielsweise Wasser- und Gasnetze in öffentlicher Hand sind, können außerdem über die Bündelung von Angeboten Effizienzsteigerungen erreicht werden.

Es besteht auch die Möglichkeit, unabhängig vom Stromnetz eigene Leitungen zu verlegen. Damit können beispielsweise Dritte direkt mit vor-Ort erzeugtem Strom versorgt und somit Netzentgelte eingespart werden. Finden sich entsprechende Abnehmer, kann das insbesondere bei EE-Stromerzeugern, die sich am Ende der Förderperiode befinden, eine weitere Ertragsmöglichkeit darstellen. Auch die Eigenstromnutzung, um beispielsweise grüne Gase herzustellen kann unabhängig vom öffentlichen Netz stattfinden.

  • Für Nordrhein-Westfalen ist ein entsprechender Rückkaufs-Trend für den Zeitraum von 2005 bis 2016 dokumentiert:

https://epub.wupperinst.org/frontdoor/deliver/index/docId/7160/file/WSA14_Heil.pdf S. 43 und S. 46

  • Folgende Studie von 2012 zeigt Tendenzen und Perspektiven der Rekommunalisierung öffentlicher Dienstleistungen auf:

https://www.econstor.eu/bitstream/10419/97264/1/785824103.pdf

  • In unserer Handlungsempfehlung zur Stromlieferung an Dritte über eine Direktleitung wird beschrieben, welche Möglichkeiten es gibt, unabhängig des öffentlichen Netzes zu sein:

https://energiewendedörfer.de/idea/belieferung-ortsnaher-dritter-durch-eine-eigene-stromleitung/

  • Für den Treibstoffbereich gilt das von Horst Seide betriebene Netz von Biogas-Tankstellen als beispielgebend:

https://www.biokraftstoffe-tanken.de/praxis/biogas-anlage-dannenberg

Mögliche Betreibergesellschaften

Wenn Energieüberschüsse aus Ihrem Dorf in die Region abgegeben werden können, empfiehlt es sich, in der eigenen Region neue Gesellschaften zu gründen, welche die Verteilung und Vermarktung der EE-Energieflüsse in der Region übernehmen.

von Peter Schmuck und Marianne Karpenstein-Machan

Da für die Verbraucher zunehmend auch eine regionale Herkunft des Stroms wichtig wird, kann eine Vermarktung der Überschüsse in der Region attraktiv sein. Eine Betreibergesellschaft vor Ort stärkt dabei das Vertrauen der Kunden und hält die Wertschöpfung in der Region.

In solche neu zu gründenden Gesellschaften können die Betreibergesellschaft(en) Ihres Dorfes als Initiator oder Mitglied aktiv werden.

Auch die Zusammenarbeit mit Stadtwerken sollte an dieser Stelle geprüft werden. Diese können beispielsweise den vor Ort erzeugten Strom gesammelt aufkaufen und in Form von regionalen Strommarken weitervermarkten. Die Bürger können auch aktiv Anteile der kommunalen Stadtwerke kaufen und damit über die zukünftigen Schritte und Ziele dieser mitentscheiden.

  • Die klassischen Betreibergesellschaften für Bioenergiedörfer sind hier beschrieben:  

https://bioenergiedorf.fnr.de/fileadmin/bioenergiedorf/dateien/Leitfaden_Wege_zum_Bioenergiedorf.pdf , Seiten 57-60

  • Interessante Informationen und Beispiele zur Zusammenarbeit mit Stadtwerken sind in dieser Broschüre dargestellt:

https://www.unendlich-viel-energie.de/media/file/444.VKU_AEE_Broschuere_Buergerbeteiligung.PDF

  • Regionale Betreibergesellschaften – sog. EE-Regionalwerke – sind kürzlich im Landkreis Ebersbach sowie im Rupertiwinkel in Bayern gegründet worden, an denen Sie sich hierzu orientieren können:

https://zukunftskommunen.de/blog/pionier-der-regionalen-energieversorgung-das-eberwerk/

https://zukunftskommunen.de/blog/regionalwerk-in-bayern-praktiziert-dezentrale-energiewende-das-eberwerk/

https://zukunftskommunen.de/blog/erstes-ee-regionalwerk-in-deutschland-in-gruendung/

  • Dieser Leitfaden fokussiert Bürger-Energiewende in Thüringen und stellt neue EE-Vermarktungsmodelle vor:

https://www.thega.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/thega_broschuere_energiewende_vor_ort.pdf